Unser Dampfzug

Heute ist es mal wieder soweit: Dampfzugfahrt auf der Heidekrautbahn. Während die Kollegen in Schwarz auf der Dampflok, deren Feuer bereits vor einigen Stunden entfacht wurde und die inzwischen ihren Betriebsdruck erreicht hat, die letzten Vorbereitungen treffen, hole ich mir im Büro in Basdorf die Fahrkarten ab.  Von dort geht es direkt in die Wagenhalle, wo unser Museumszug, bestehend aus zwei-achsigen Einheits-Personenwagen mit offenen Bühnen aus den 1920er Jahren und einem drei-achsigen Reko-Wagen der Deutschen Reichsbahn aus den 1960er Jahren witterungsgeschütz untergestellt ist. Unser Zug wird je nach Bedarf und Verfügbarkeit der Wagen (der größte Teil der Wagen ist betriebsfähig, andere befinden sich jeweils in der gesetzlich vorgeschriebenen Hauptuntersuchung) für jede Fahrt in jeweils unterschiedlicher Zusammenstellung neu gebildet. Am Zug treffe ich noch den Kollegen, der gerade die Wasserbehälter unserer Wagen mit WC und Handwaschbecken aufgefüllt hat. Diese Aborte befinden sich in jedem unserer Holzklassewagen, die im ganzen Zug verteilt sind. Anschliessend gehe ich in das Zugführerabteil unseres Gepäckwagens, der 1931 gebaut wurde und von uns für den kostenlosen Transport von Kinderwagen, Fahrrädern, Rollstühlen usw. genutzt wird. Dort lege ich für die beiden Schaffner die historischen Edmonsondschen Pappfahrkarten bereit, die während der Fahrkartenkontrolle an unsere Fahrgäste ausgegeben werden. Inzwischen steigt auch unser Sicherungsposten ein, der an allen ungesicherten Bahnübergängen auf der Strecke dafür sorgt, dass der kreuzende Straßenverkehr anhält, damit wir die Übergänge passieren können. Um besser von den anderen Verkehrsteilnehmern erkannt zu werden, zieht er sich seine reflektierende  Warnkleidung an.

BEF-Museumszug mit vereinseigener Dampflok Ampflwang

Unsere Personenwagen erreichten den Verein auf unterschiedlichen Wegen und waren bis zur Übernahme durch die Berliner Eisenbahnfreunde oft langjährig abgestellt oder zu Bauzugwagen umgebaut. In den ersten Jahren wurden diese Wagen u.a. durch den Einbau von S-Bahn-Holzbänken so hergerichtet, dass sie schnellstmöglich im Museumsbetrieb eingesetzt werden konnten. In den letzten Jahren sind wir dann dazu übergegangen, die Wagen auch unter historischen Gesichtspunkten wieder aufzuarbeiten. So verfügen wir inzwischen über zwei Polsterklassewagen, die den Zustand nach jeweiligen Modernisierungen in Ost und West der 1950er Jahre repräsentieren. Ein Wagen davon zeigt sich im Gewand der Deutschen Reichsbahn und der andere entspricht dem zeitgleichen Zustand bei der Deutschen Bundesbahn.

Nebenbahnwagen bei der DB Mitte der 1950er JahreNebenbahnwagen bei der DR Mitte der 1950er Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 


Während der Zug inzwischen zusammengestellt wurde und die Dampflok sich an die Spitze gesetzt hat, verteile ich in den Wagen die vorbereiteten Reservierungszettel, die dann an den jeweiligen Sitzplätzen der gebuchten Fahrgäste angebracht werden. Inzwischen hat sich unser Zug in Bewegung gesetzt,- wir fahren leer von Basdorf aus nach Berlin zu unserem Haltepunkt am Wilhelmsruher Damm. An kalten Tagen stellen wir direkt nach Abfahrt die Heizung an, die von der Lokomotive aus mit Dampf versorgt wird. Nebenbei wird die Funktionsfähigkeit unserer Lautsprecheranlage getestet, die es uns ermöglicht, während der Fahrt von einem Wagen aus die Fahrgäste mit Informationen zum Zug und zur Strecke zu versorgen. Nach einem letzten Kontrollgang durch den Zug trifft sich dann das Zugpersonal zum Kaffee in unserem Buffetwagen, der unseren Zug auf allen Fahrten begleitet. Neben kalten und warmen Getränken bietet unser freundliches Service-Personal auch Wiener Würstchen oder Bockwürste an, dazu eine kleine Auswahl an „Nervennahrung“,- nicht nur für die Kleinen. Sehr zu empfehlen ist auch unser Heidekrautbahntröpfchen,- ein Kräuterlikör,- den es nur bei den Berliner Eisenbahnfreunden gibt.

BEF-Museumszug mit Gastdampflok 131.060

Inzwischen rollen wir den Blankenfelder Berg hinunter und wir teilen uns im Zug auf. Direkt nach der Ankunft am Wilhelmsruher Damm stellt die Zugbesatzung als Erstes die hölzernen Trittstufen vor die Wageneinstiege, denn an diesem Haltepunkt gibt es keinen Bahnsteig. Ich selbst begebe mich an die Spitze des Zuges, wo ich sofort von einer großen Menschenmenge umringt werde. Alle unsere gebuchten Fahrgäste bekommen bei mir kleine Etiketten in die Hand gedrückt, auf denen ihre Wagennummern und Sitzplätze notiert sind. Ein kurzer Hinweis, wo sich der jeweilige Wagen befindet und schon ist der Nächste dran. Während die Fahrgäste einsteigen, verladen die Kollegen Kinderwagen und Fahrräder oder sind den Fahrgästen beim Einsteigen behilflich,- da packt jeder mit an. Es kommen auch immer wieder Leute zu mir, die nicht im Voraus gebucht haben. Grundsätzlich nehmen wir jeden mit, aber bei ausverkauften Sitzplätzen müssen diese Fahrgäste dann die Fahrt stehend genießen,- meistens im Buffetwagen oder, bei trockenem Wetter, auf den offenen Bühnen.
Der Faszination Dampf kann sich kaum einer entziehen,- die Älteren fühlen sich in unseren Zügen in ihre Jugendzeit zurückversetzt und erleben gemeinsam mit den Jüngeren bei uns den Flair einer Eisenbahnreise, wie sie in Deutschland seit einigen Jahrzehnten im Planbetrieb außer bei einigen Schmalspurbahnen leider nicht mehr möglich ist. Viele Familien, teilweise von den Urgroßeltern bis zum Kleinkind 4 Generationen gemeinsam, verbringen mit unserem erfahrenen ehrenamtlich aktiven Personal einige unvergessliche Stunden in unseren Zügen.

Übrigens führen unsere Personenwagen die 2., 3. und 4. Wagenklasse. Bedingt durch unsere authentische Beschriftung der Wagen haben wir aber auch in der 3. Klasse Polstersitze. Daher verkaufen wir unsere Fahrkarten nicht nach Wagenklassen, sondern unterscheiden lediglich zwischen Holz- und Polsterklasse.

BEF-Museumszug mit 131.060 auf der Heidekrautbahn

Mittlerweile leert sich mein Etikettenbogen, es sind nur noch Etiketten für die Fahrgäste vorhanden, die in Schildow zusteigen. Ein kurzes Zeichen an die Kollegen und die Trittstufen werden wieder auf die Wagenbühnen gestellt. Pünktlich zur angegebenen Abfahrzeit hält der Sicherungsposten den Straßenverkehr am vor uns liegenden Bahnübergang Wilhelmsruher Damm an, der Zugführer greift zur Pfeife und sein Abfahrsignal ertönt. Langsam setzt sich unser Zug in Bewegung und die beiden Schaffnerkollegen beginnen mit dem Austeilen der historischen Fahrkarten, jeder an einem Ende des Zuges, um sich dann in der Mitte im Buffetwagen zu treffen. Ich selbst gehe in den Wagen mit der Sprechanlage, um unsere Fahrgäste zu begrüßen und die ersten Hinweise zu geben.

Als Zuglokomotiven unseres Museumszuges werden, solange unsere eigenen Dampflokomotiven nicht einsatzfähig sind, verschiedene Gastdampflokomotiven eingesetzt. Seit der technisch bedingten Abstellung unserer Dampflok "Ampflwang" im Jahre 2014 waren dies die 52 8177 und vor allem die rumänische Tenderdampflokomotive 131.060, die unsere Züge auf der Heidekrautbahn, aber auch, wie im Dezember 2017, auf dem Berliner Innenring befördert haben. Zusammen mit der 131.060 waren einige unserer Wagen im August 2017 sogar auf der Mecklenburgischen Südbahn sowie auf der Strecke nach Rheinsberg/Mark unterwegs.
Die Adventsfahrten im Dezember 2018 werden wir mit der Schlepptender-Dampflokomotive 50 3610 durchführen.
Unsere Gastdampflok im Advent 2018: 50 3610